Von der Polarität in die Einheit

Jeder Heilsweg oder Ein-weihungsweg ist der Weg aus der Polarität in die Einheit. Der Schritt aus der Polarität in die Einheit ist eine so radikale, qualitative Veränderung, dass sie für das polare Bewusstsein schwer bis gar nicht vorstellbar ist. Alle metaphysischen Systeme, Religionen und esoterischen Schulen lehren einzig und allein diesen Weg aus der Zweiheit in die Einheit. Daraus ergibt sich bereits zwingend, dass all diese Lehren nicht an einer »Verbesserung dieser Welt« interessiert sind, sondern am »Verlassen dieser Welt«.

Genau dieser Punkt ist der große Ansatzpunkt für alle Kritiker und Gegner dieser Lehren. Sie weisen auf die Ungerechtigkeiten und Nöte dieser Welt hin und werfen den metaphysisch orientierten Lehren vor, wie unsozial und lieblos sie diesen Herausforderungen gegenüber wären, weil sie nur an ihrer eigenen, egoistischen Erlösung interessiert seien. Weltflucht und mangelndes Engagement heißen die Schlagworte der Kritik. Leider nehmen sich die Kritiker niemals die Zeit, eine Lehre erst einmal ganz zu begreifen, bevor sie sie bekämpfen, und so vermischt man vorschnell die eigenen Ansichten mit ein paar missverstandenen Begriffen einer anderen Lehre und nennt diese Ungereimtheit dann »Kritik«.

Diese Missverständnisse reichen weit zurück. Jesus lehrte allein diesen einen Weg, der aus der Zweiheit zur Einheit führt und er wurde nicht einmal von seinen eigenen Jüngern ganz verstanden (Johannes ist die Ausnahme). Jesus nannte die Polarität „diese Welt“ und die Einheit „Himmelreich“ oder die „Wohnung meines Vaters“ oder auch ganz einfach „Vater“. Er betonte, dass „sein Reich“ nicht von dieser Welt sei, und lehrte den Weg zum Vater. Doch alle seine Äußerungen wurden immer zuerst konkret und materiell verstanden und auf diese Welt bezogen. Das Johannes-Evangelium zeigt Kapitel für Kapitel diese Missverständnisse: Jesus redet vom Tempel, den er in drei Tagen wieder aufbauen will – dabei denken die Jünger an den Tempel Jerusalems, er aber meint seinen Leib. Jesus redet mit Nikodemus von der Wiedergeburt im Geiste, doch dieser denkt an eine Kindsgeburt. Jesus erzählt der Frau am Brunnen vom Wasser des Lebens, sie denkt an Trinkwasser. Die Beispiele lassen sich beliebig fortsetzen, Jesus und seine Jünger haben gänzlich verschiedene Bezugspunkte. Jesus versucht, den Blick des Menschen auf die Bedeutung und Wichtigkeit der Einheit zu lenken, während seine Zuhörer sich krampfhaft und ängstlich an der polaren Welt festklammern. Wir kennen von Jesus keine einzige Aufforderung, die Welt zu verbessern und in ein Paradies umzugestalten – aber in jedem Satz versucht er, die Menschen zu ermutigen, den Schritt zu wagen, der zum Heil führt.

Doch dieser Weg löst zuerst immer Angst aus, denn er führt auch durch Leid und durch das Grauen hindurch. Welt lässt sich nur dadurch überwinden, dass man sie auf sich nimmt Leid lässt sich nur dadurch vernichten, dass man es auf sich nimmt, denn Welt ist immer auch Leid. Esoterik lehrt nicht Weltflucht, sondern »Weltüberwindung«. Weltüberwindung ist aber nur ein anderes Wort für »Überwindung der Polarität«, die identisch ist mit der Aufgabe des Ichs, des Ego, denn Ganzheit erlangt nur jener, der sich nicht weiterhin durch sein Ich vom Sein abgrenzt. Es entbehrt deshalb nicht einer gewissen Ironie,
wenn ein Weg, dessen Ziel die Vernichtung des Egos und die Verschmelzung mit allem ist, als »egoistischer Heilsweg« bezeichnet wird. Auch liegt die Motivation solcher Heilswege nicht in der Hoffnung auf ein »besseres Jenseits« oder eine »Belohnung für die Leiden dieser Welt« (»Opium fürs Volk«), sondern in der Einsicht, dass diese konkrete Welt, in der wir leben, nur dann einen Sinn bekommt, wenn sie einen außerhalb von ihr selbst liegenden Bezugspunkt hat.

Im Beispiel: Wenn man eine Schule besucht, für die es weder ein Ziel noch einen Abschluss gibt, in der man lernt nur um des Lernens willen, ohne Perspektive, ohne Ende, ohne Ziel, dann wird das Lernen selbst sinnlos. Einen Sinn bekommen die Schule und das Lernen erst, wenn es einen Bezugspunkt gibt, der außerhalb der Schule liegt. Einen Beruf vor Augen zu haben, ist nicht identisch mit »Flucht aus der Schule«, sondern im Gegenteil: Dieses Ziel ermöglicht erst eine aktive und sinnvolle Hinwendung zum Lernstoff. Ebenso bekommt dieses Leben und diese Welt erst dann eine inhaltliche Dimensionalität, wenn unser Ziel ist, sie zu überwinden. So liegt der Sinn einer Treppe nicht darin, auf ihr stehenzubleiben, sondern sie durch Benutzung zu überwinden.